Kapitel 3

Kinder von Jehovas Zeugen unter dem Verbot

Zu der Frankfurter Gemeinde der Zeugen Jehovas (ehem. Bibelforscher) gehörten 1933 sehr viele Kinder. In der Gemeinde gab es eine eigene Jugendgruppe für die 8- bis 15-jährigen, die Kleineren waren in der Kindergruppe. 

Gemeinsam wurde aus der Bibel gelernt, selbst einstudierte Theaterstücke wurden aufgeführt und auch Ausflüge standen auf dem Programm. Ein Ausflug führte zur Saalburg.

Die Jugendgruppe der Frankfurter Gemeinde bei einem Ausflug zur Saalburg und nach Herzberg/Taunus

FOTO: Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Mathilde Lehnert mit ihren und anderen Kindern, 1934

FOTO: Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

45 Kinder und Jugendliche waren vom Verbot und der Verfolgung der Eltern betroffen. Zu ihrem Alltag gehörten fortan Hausdurchsuchungen, Verhöre der Eltern und Repressalien in der Schule. 

Hans Engler, ein Schüler der Helmholtz-Oberrealschule, war damit konfrontiert. Seine Schwester Frieda erzählte: „Als Adolf Hitler in der Nähe von Frankfurt den 1. Spatenstich für die Autobahn machte, sollten die Schüler ihm mit Heil-Rufen zujubeln. Da mein Bruder Hans zu Hause blieb, wurde meine Mutter zum Direktor bestellt." 

Auch Frieda musste immer öfter Rechenschaft ablegen: „Auf die Frage meiner Lehrer, warum ich nicht im BDM [Bund Deutscher Mädel] sei, antwortete ich: ‘Weil meine Eltern mich selbst erziehen wollen´.“

Nach dem Verbot der Bibelforscher 1933 und der Plünderung und Schließung des Gemeindezentrums wurde es auch für die Kinder schwierig, sich weiter zu treffen. In Frankfurt gab es im Ostend zwei sehr engagierte Mütter: Anna Engler und Mathilde Lehnert, die ihre Wohnungen zur Verfügung stellten, um den Kindern weitere Treffen zu ermöglichen.

Manchmal organisierten die beiden Mütter sogar Kinderfeste, wie zum Beispiel am 14. April 1935. Die Kinder hatten mit Begeisterung eine Aufführung einstudiert. Es waren Einladungen für Freunde und Bekannte geschrieben worden. Etwa zehn Kinder nahmen teil.

Anna Englers Tochter Frieda schrieb: „1935 haben wir Kinder in Kostümen Theater mit einem ernsten und einem heiteren Teil aufgeführt. Ein Mädchen spielte Noomi, ein anderes Ruth und ich die Orpa. [...] 1936 führten wir in unserer Wohnung wieder eine solche Veranstaltung durch. Das Drama hieß: `Daniel in der Löwengrube´ – Ich war einer der Satrapen.“ Mitten im Spiel drang die Gestapo gewaltsam in die Wohnung ein, nahm die Mutter mit und stellte sie vor Gericht. Bei ihrer Vernehmung gab Anna Engler zu, die Texte für die Kinderspiele selbst geschrieben zu haben.

Beide Mütter wurden Anfang 1935 und erneut im März 1936 zu je 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Doch sobald sie wieder frei waren, organisierten sie erneut die Jugendgruppe.

Eine andere Mutter, Maria Kastner, die mit ihren beiden Kindern an der Veranstaltung 1935 teilgenommen hatte, erklärte bei ihrer Vernehmung, dass die Veranstaltung wochenlang vorher bekannt war und die Kinder ihre Rollen geübt hatten. 

Auch Marlise, die älteste Tochter von Mathilde Lehnert, bestätigte bei ihrer Vernehmung, dass die Treffen der Kinder in der Wohnung ihrer Eltern oder bei Familie Engler stattgefunden hatten. 

Alle Teilnehmer bzw. Zuschauer der Kinderdarbietungen wurden mit mindestens einem Monat Gefängnis bestraft. Anna Engler wurde insgesamt drei Mal zu Gefängnisstrafen verurteilt. Nach Verbüßung der letzten Gefängnisstrafe wurde sie ins KZ Lichtenburg eingeliefert. 

Zwei Kinder sind verkleidet für die Aufführung „Daniel in der Löwengrube“, rechts Frieda Engler, 1936

FOTO: Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Auch die Mutter der Familie Rang besuchte mit ihren Töchtern die Jugendgruppe. Sie wurde ebenfalls aus diesem Grund verhaftet und kam ins KZ Lichtenburg. Der Vater, ein selbständiger Kunstmaler, stand von nun an mit den drei Töchtern alleine da.

Lina Rang mit ihren drei Töchtern, ca. 1932

FOTO: Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Durch verschiedene Verhaftungswellen in Frankfurt, besonders im März 1937, wurden weitere Kinder von Zeugen Jehovas zumindest eines Elternteils beraubt. War die Mutter verhaftet, hing die ganze Verantwortung, für die Familie zu sorgen, oft an der ältesten Tochter, die selbst noch ein Kind war. War der Vater inhaftiert, fehlte der Ernährer der Familie, was große Not zur Folge hatte, da kein Fürsorgeamt aufkam. Die Gemeinde legte in diesen Fällen zusammen und half so der betroffenen Familie. Die Mütter versuchten, privat noch etwas zu verdienen, denn eine Arbeitsstelle bekamen sie nicht.

Der kleine Hans Lehrbach war gerade 11 Jahre alt, als seine Mutter verhaftet wurde. Erst nach 8 Jahren und 4 Monaten sah er sie wieder.

Emmy und Wilhelm Lehrbach mit Sohn Johannes

FOTO: Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Doris Kaltwasser (liegend), Wilhelmine Kaltwasser (rechts) mit Freundinnen aus der Frankfurter Gemeinde

FOTO: Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Anderen Kindern von Zeugen Jehovas wurde die Ausbildung verweigert. Auch Doris, die Tochter des Straßenbahnfahrers Adam Kaltwasser, war davon betroffen. Sie berichtete: „Ich wurde ab jetzt von der Lehrerschaft – bis auf eine jüdische Lehrerin – ganz schön unter die Lupe genommen. […] So lernte ich schon sehr früh die Ungerechtigkeit der Stärkeren kennen […] Wir weigerten uns standhaft in die Hitlerjugend einzutreten. […] Ich wäre so gerne Kunstgewerblerin geworden. Nun waren wir auf einmal Staatsfeinde Nr. 1, und ich durfte keine Schule besuchen. Dafür steckte man mich in Haushalte zu 100%igen Nationalsozialisten. Ich war ein kleines zierliches Mädchen und diese Arbeit weder gewohnt noch gewachsen. Manchmal hatte ich noch vier Kinder zu betreuen. Dann sollte ich noch kochen und einmachen. So machte ich einige Haushalte durch, einer schlimmer als der andere.“

Nach der Entlassung des Vaters aus den städtischen Diensten als Straßenbahnfahrer musste die Familie die Dienstwohnung räumen. In Ginnheim fanden sie in einer umgebauten Scheune Unterschlupf. Wenige Tage nach der Verhaftung des Vaters wurde auch die Mutter Wilhelmine inhaftiert. Die beiden Töchter waren nun auf sich alleine gestellt. Über diese Zeit berichtet Doris: „Besuchen durften wir unsere Eltern nur, wenn wir einen Erlaubnisschein hatten".

Besuchserlaubnis für Wilhelmine Kaltwasser und ihre
Tochter Doris (Dora) beim Ehemann und Vater Adam Kaltwasser

FOTO: Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa

Die Mutter kam zwar nach 3 Monaten wieder frei, allerdings lebte die Familie in großer Armut. Außerdem standen sie unter der ständigen Überwachung durch die Polizei. 

Schließlich bekamen sie noch „besonderen“ Besuch: die Gestapo und ein Vertreter Himmlers. Sie ließen sich den Haftverlauf des Vaters erzählen; Frankfurt-Hammelsgasse, Frankfurt-Preungesheim, die Moorlager Walchum und Papenburg, Frankfurt-Gerichtsgefängnis, KZ Dachau und KZ Mauthausen. Doris berichtet dazu: „Diese Herren machten uns große Hoffnung, dass der Vater bald heimkäme. Heute weiß ich, dass sie sich an unserem Leid ergötzten, denn der Vater kam heim, aber in einer Urne. Es waren nur Tage später, dass wir ein Telegramm erhielten mit dem Wortlaut: Ehemann heute im Lager verstorben näheres durch Polizei. […] Es war der 19.4.40. Einen Tag vor Hitlers Geburtstag. Vor der so genannten Amnestie.“

Weitere Kinder waren besonders hart von der Verfolgung der Eltern betroffen. Obwohl sie noch jünger waren, wurden ihnen beide Eltern genommen.

Hedwig Enders aus Bornheim war knapp zehn Jahre alt, als Vater und Mutter im März 1937 verhaftet wurden. Der Vater kam erst nach eineinhalb Jahren, im Oktober 1938, nach Hause, die Mutter noch später, im Juli 1940. Während dieser Zeit war das kleine Mädchen bei fremden Pflegeeltern untergebracht.

Maria aus Griesheim war gerade zwölf Jahre alt, als ihre beiden Pflegeeltern, Balthasar und Elisabeth Mayer, 1936 verhaftet wurden. Sie berichtet darüber, was ihr widerfuhr: „Von der Verhaftung der Eltern 1936–1941 stets in Fürsorgeanstalten, da ich alleinstand.“ Danach war sie in der Erziehungsanstalt Berlin-Tegel. Die Mutter kam erst nach 103 Monaten Haft in verschiedenen KZs im April 1945 wieder heim. Ihren Vater, Balthasar Mayer, sah sie nie wieder, da er im KZ Dachau am 22.1.1945 verstarb.

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